Avernum: Escape From The Pit

Avernum: Escape From The Pit

Avernum: Escape From The Pit erinnert stark an RPGs aus den 90ern und eignet sich aufgrund seiner Komplexität und Mechanik in erster Linie für hartgesottene Genre-Fans. Spieler, die bei der Erwähnung der Ultima-Serie von Lord British und ähnlichen Perlen wohlig seufzen, sind mit Avernum bestens beraten. Die Stärken des Games liegen definitiv nicht in der Grafik, sondern der Erzählweise, der Spieltiefe und den Freiheiten, die es dem Spieler lässt. Storytelling, Anpassungsmöglichkeiten, Umfang und Detailverliebtheit machen Avernum: Escape From The Pit zu einem beeindruckenden Spiel für iPad und Mac.

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Fantasie des Spielers als stilistisches Mittel

Avernum: Escape From The Pit ist eine Hommage an klassische Rollenspieler aus den 90er Jahren. Vor diesem Hintergrund sollte man auch die Grafik und Musik als bewusste Design-Entscheidungen verstehen. Trotz der einfach gehaltenen visuellen Eindrücke, vermag die Grafik allerdings genug Ambiente zu erzeugen, um als Saatkorn für die Fantasie des Spielers zu fungieren. In Kombination mit der exzellent erzählten Geschichte und detailreichen Beschreibungen der Umgebung funktioniert Avernum wie eine Mischung aus grafischem RPG und klassischem Pen&Paper-Rollenspiel, bei dem ein Spielleiter den Spielern Umgebungen, Charaktere und Situationen beschreibt. Die Beschreibungstexte und Dialoge allein könnten leicht einen kompletten Fantasy-Roman füllen.

Mich persönlich hat diese Art der Präsentation mehr in ihren Bann gezogen als so manches moderne und grafisch opulente Rollenspiel. Die Entwickler haben sich sehr viel Mühe mit den Dialogen, Texten, Quests und dem Level Design gegeben. Alle, die sich von dem ernüchternden Ersteindruck nicht beirren lassen, werden mit einer unglaublich detaillierten Welt sowie ungeahnten Freiheiten belohnt.

Hinab in den Abgrund

Wer sich auf Avernum einlässt, übernimmt die Kontrolle über vier Abenteurer, die in ein riesiges Höhlensystem verbannt werden, das als Gefängnis für unerwünschte Individuen des Reiches an der Oberfläche fungiert. Die Oberfläche bekommt der Spieler allerdings nicht zu sehen, vielmehr muss man sich sein eigenes Bild mit Hilfe vieler textlastiger (sehr gut geschriebener) Dialogen und Beschreibungen machen. Gute Englischkenntnisse, das Interesse an einer umfangreichen und gut geschriebenen Geschichte und eine gehörige Portion Fantasie sind in jedem Fall Grundvoraussetzungen, um das Spiel genießen zu können.

Kaum in Avernum angekommen, wird schnell klar, dass es sich beim so genannten Empire an der Oberfläche um eine tyrannische Diktatur handelt, die jeden nach Avernum schickt, der sich gegen das System auflehnt oder nicht in selbiges passt. Das hat dazu geführt, dass dieses Untergrundgefängnis so reich bevölkert ist, dass es sich zu einer eigenständigen Nation mit unterschiedlichen Städten, Rassen und Gruppierungen entwickelt hat. Schon bei der Ankunft erfahren die vier Helden, dass es aus Avernum kein Entkommen gibt, und dass dieses Höhlensystem überaus gefährlich sein kann. Abseits der Sicherheit der einzelnen Städte treiben diverse feindselige Rassen wie Goblins, Untote und Neraphim ihr Unwesen. Diesen Gefahren gilt es zu trotzen, will man die Geheimnisse rund um den Turm der Magier, die Große Höhle, die Burg des Königs und die Drachen entschlüsseln.

Unterirdische Freiheit

Die unterirdische Welt ist riesig und es gibt viel zu entdecken. Bei der Erforschung der Welt hat der Spieler völlig freie Hand. Das wirkt anfangs ein wenig überwältigend, passt aber voll und ganz in den nicht-linearen Ablauf des Spiels. Obwohl sich die ganze Handlung streng betrachtet „drinnen“ abspielt, ist Avernum ein Paradebeispiel für ein Open-World-Game. Hinweise auf neue Orte, ferne Städte, Geheimnisse und zu erledigende Aufgaben erhält man von den Bewohnern Avernums. Folgt man diesen jedoch all zu leichtsinnig, ist die Reise schneller vorbei als sie begonnen hat. Einige Sektionen sind besonders am Anfang des Spiels für die vier Abenteurer viel zu gefährlich. Aus diesem Grund sollte man die alte Weisheit „Save early, save often“ unbedingt beherzigen! Bevor die Charaktere gut ausgerüstet sind und ein paar Erfahrungsstufen gewonnen haben, kann der normale Schwierigkeitsgrad schnell frustrieren. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, nicht gleich nach den ersten ein bis zwei Stunden das Schwert ins Korn zu werfen. Wem das Ganze partout zu hart ist, der kann den Schwierigkeitsgrad auch im laufenden Spiel herunter setzen.

Spielerisch bietet Avernum: Escape From The Pit alles, was zu einem waschechten Rollenspiel gehört. Die Charakterattribute und Skills sind selbsterklärend, bieten dem Spieler allerdings viel Spielraum für Variationen. Magier und Priester können auf ein großes Arsenal an Sprüchen zurück greifen und auch andere Klassen können unterschiedlichste Fähigkeiten einsetzen. Befindet man sich nicht im Kampf läuft das Geschehen in Echtzeit ab, erst wenn man auf feindlich gesinnte Kreaturen trifft, wird das Ganze rundenbasiert.

Avernum hat eine Chance verdient

Die Entwickler von Spiderweb haben es geschafft, die Welt von Avernum und ihre Einwohner glaubwürdig zum Leben zu erwecken – und das ganz ohne fotorealistische Grafik und bombastische Effekte. Mit einem effektiven Storytelling, Liebe zum Detail, spielerischen Freiheiten und einer komplexen Geschichte verstehen sie es, den Spieler in den Bann zu ziehen. Die einzige Voraussetzung hierfür ist, dass man Spaß daran hat, seine eigene Fantasie spielen zu lassen – etwas, für das viele moderne Games heute keinen Spielraum mehr lassen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer tollen Atmosphäre und einer dynamischen Story belohnt, deren Verlauf man zu großen Teilen selbst bestimmen kann. Für alle, für die sich das verlockend anhört, ist der Vorgänger „Avadon“ ähnlich empfehlenswert.